Zum Erfolg von Jürgen M. Pelikan
Was bedeutet für Sie persönlich Erfolg?
Erfolg bedeutet, seine Vorhaben auch zu realisieren. In meinem Fall sehe ich es als Erfolg, gemeinsam mit anderen Menschen Projekte umzusetzen, die etwas verändern, indem sie neues Wissen erzeugen oder Strukturen und Prozesse positiv beeinflussen.
Sehen Sie sich als erfolgreich?
Ja, weil ich neugierig bin und mich nicht so schnell entmutigen lasse, wenn Stolpersteine auf dem Weg liegen.
Was war ausschlaggebend für Ihren Erfolg?
Ich bin deutscher Protestant und begann sehr früh, mich zu internationalisieren und Englisch zu lernen. Außerdem war ich ein Flüchtlingskind, wir wurden aus meiner Heimat Breslau vertrieben, und ich mußte schon mit zehn Jahren arbeiten. Diese Art von Kindheit war sicherlich auch prägend. Erfolgreich wird man dann, wenn man Krisen erfolgreich durchsteht. Meine umfassende Ausbildung und meine vielseitigen Interessen trugen sicher wesentlich zum Erfolg bei. So lernte ich zum Beispiel schon Ende der sechziger Jahre für meine Doktorarbeit das Programmieren und schrieb in der Nacht eigene FORTRAN-Programme. Außerdem erkannte ich rechtzeitig, daß es in der modernen Gesellschaft auf Kommunikationsfähigkeit ankommt. Dabei haben mir die Psychoanalytik und meine gruppendynamische Ausbildung sehr geholfen. Ein entscheidender Erfolgsfaktor ist auch meine Fähigkeit, gute Teams zu bilden.
Ab wann empfanden Sie sich als erfolgreich?
Relativ spät, wahrscheinlich erst, als ich mit fast 40 Jahren das Boltzmann Institut für Medizin- und Gesundheitssoziologie gründete. Ich war aber auch stolz, als ich zum Leiter der Abteilung für Soziologie des Instituts für Höhere Studien bestellt wurde. Im Lauf der weiteren Jahre gab es dann immer wieder Projekte, die mich mit einem gewissen Erfolgsgefühl erfüllten - zuletzt etwa die Etablierung des europäischen Krankenhausnetzwerks Migrant Friendly Hospitals.
Gibt es jemanden, der Ihren beruflichen Lebensweg besonders geprägt hat?
Ich hörte Vorlesungen und Seminare bei Paul Felix Lazarsfeld, der meine Aktivitäten gut fand und mir die Postdoctoral Fellowship an der Columbia University verschaffte. Was den Medizinbereich betrifft, war Prof. Hans Strotzka, mit dem ich das Boltzmann Institut für Medizin- und Gesundheitssoziologie bis 1989 leitete, eine prägende Persönlichkeit. Auch James S. Coleman, der im Beirat am Institut für Höhere Studien war, und Ilona Kickbusch, langjährige WHO-Direktorin und Professorin an der Yale University, waren wichtige Menschen auf meinem beruflichen Lebensweg.
Nach welchen Kriterien wählen Sie Mitarbeiter aus?
Sie müssen eigenwillig, selbstbestimmt und autonom sein. Ich brauche keine Ja-Sager, sondern Leute, die ihre Meinung vertreten und keine Angst haben, mir zu widersprechen. Mitarbeiter müssen widerspenstig und loyal gleichzeitig sein, das ist eine schwierige Gratwanderung.
Wie motivieren Sie Ihre Mitarbeiter?
Indem ich ihnen ein Vorbild bin und selbst Fleiß an den Tag lege. Ich übertrage ihnen Verantwortung und delegiere Aufgaben - das mußte ich aber erst lernen. Trotzdem bleibe ich im Dialog mit meinen Mitarbeitern. Alles, was man tut, muß man Diskussionsprozessen aussetzen.
Welche sind die Stärken Ihres Unternehmens?
Eine unserer Stärken ist es, daß wir langfristig kooperieren, aber dennoch immer wieder jüngere Wissenschafter einbinden. Ein Gutteil unseres Erfolges beruht darauf, Methodenkenntnis, Theorie, Anwendung und Intervention gut zu verlinken. Dadurch können die Mitarbeiter erfolgreich Projekte abwickeln, auch mit Praxispartnern wie beispielsweise Krankenhäusern.
Wie vereinbaren Sie Beruf und Privatleben?
Meine Lebensgefährtin Univ.-Prof. Marina Fischer-Kowalski ist Sozialökologin und beruflich höchst erfolgreich. Wir arbeiten beide sehr viel, aber auch wenn die Balance zwischen Beruf und Privatleben nicht immer ausgeglichen ist, kommen wir mit der Situation recht gut zurecht.
Welchen Rat möchten Sie an die nächste Generation weitergeben?
Ich rate auf jeden Fall, international mobil zu sein. Für eine wissenschaftliche Karriere halte ich Authentizität und Eigenwilligkeit für extrem wichtig. Man muß Energie haben, um sich gegen gewisse Widerstände durchzusetzen.
Welche Ziele haben Sie sich gesteckt?
Mein Team und ich haben mit dem Boltzmann Institut noch einige Pläne, als nächstes Ziel haben wir eine Neugründung im Visier. Sonst möchte ich wieder mehr Zeit zum Lesen, aber vor allem auch zum Schreiben finden.