Zur Karriere von Alf Kraulitz
Was war für Ihren Werdegang wesentlich? Mein Vater war Beamter und meine Mutter ursprünglich Künstlerin, dann aber Hausfrau. Meine Kindheit wurde durch eine gewisse humanistische Erziehung geprägt. Ich absolvierte ein Gymnasium mit Latein in Döbling. Die Mutter brachte mir und meinen Geschwistern, die älter sind als ich, das Singen und Klavierspielen bei. Ich bin mit Schubert aufgewachsen und blieb bis heute ein sogenannter Schubertianer. Die Sommerferien verbrachten wir auf dem Land, besonders oft im Waldviertel, wo mich die Natur prägte. Weitere Prägungen waren Sport, Abenteuer, musische Betätigungen, Wanderungen und Familiensinn. Schon als 13-jähriger bin ich zu einer Jugendbewegung gegangen, die mich sehr formte, weil wir dort das körperliche Training, genauso wie Singen, Theaterspielen, künstlerisches Schaffen und Reisen mit Autostop erlebten. Mit 16 Jahren war ich schon am Nord-Kap, mit 18 in Ägypten und ich war daran gewöhnt, in Schlafsäcken zu schlafen, in Selbstversorgungshütten zu wohnen und die Entdeckung der Welt mit der Arbeit zu verbinden. Ich hatte auch nie Angst, weil ich wußte, daß man sich alles erarbeiten kann. Man muß nur durchhalten können. Das war ein Training, das mir dann geholfen hat, die Durststrecken zu erdulden und ohne viel Geld durchzukommen. Es war eine gewisse Charakterschulung. Ich wählte das Studium der Geologie und parallel zum Studium bin ich immer weiter gereist, unter anderem nach Amerika, Asien und Afrika. Ich gründete eine eigene Musikgruppe Der Misthaufen, die eine der führenden Gruppen in Österreich wurde, die sich mit kritischen Chansons befaßten. Mit dem Musical Schabernack, für welches ich den Text schrieb, gelang mir 1975-76 nicht nur ein großer Erfolg bei den Wiener Festwochen, sondern auch die Rettung des Wiener Naschmarkts. In dieser Zeit hatte ich drei Jahre lang eine Kabarettsendung im ORF Ojegerl. 1981 gründete ich das Wiener Kulturhaus Metropol, das ich bis 1990 leitete. Für die Wiener Festwochen entwickelte ich das Festival der Clowns und die Zeit der Puppen (1981-84) und war auch künstlerischer Leiter dieser Projekte. Von 1978-91 und zuletzt wieder 1998-99 konzipierte und organisierte ich das Wiener Stadtfest - ein Signal für erwachsene Urbanität der Jugendkultur - welches in Folge zahlreiche Nachahmer im In- und Ausland fand. Ich lernte das Gewerbe von der Pike auf, schrieb viele Lieder und produzierte Schallplatten (sieben Singles und drei LP´s). Ich habe sozusagen alles erreicht, was ein engagierter Musiker in Österreich erreichen kann und ich versuchte immer, die Dinge zu realisieren, die mir gefielen. Mich fasziniert es, aus Modulen der traditionellen Bereiche, mit neuen Ideen etwas Neues zu schaffen - deshalb habe ich auch in letzter Zeit verstärkt als Regisseur gearbeitet. Am 1. Juli 1998 fand anläßlich der Übernahme des EU-Vorsitzes durch Österreich ein großes Musik-Event statt, für das ich das künstlerische Konzept ausarbeitete und am 10. Dezember 1998, zum 50. Jahrestag der Annahme der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, führte ich Regie und erstellte das Konzept für einen Festakt in der Wiener Hofburg, bei dem die Außenminister der Europäischen Union anwesend waren. Seit 1990 bin ich Intendant des Niederösterreichischen Donaufestivals, wo es mir darum geht, Spannung zwischen Großstadt und Land, sprich Landschaft, Natur, Wissenschaft und Kultur herzustellen. Als gelernter Wissenschafter ist mir diese Grenzüberschreitung besonders wichtig. Dabei muß man auch Politiker gewinnen, damit sie für die Kultur kämpfen. Am stärksten beschäftigen mich jetzt Zukunftsprognosen, weil im 21. Jahrhundert kein Stein auf dem anderen bleiben wird und unser Menschheitsbild sich in den nächsten zehn Jahren unfaßbar verändern wird.