Zum Erfolg von Erwin Pröll
Was bedeutet für Sie persönlich Erfolg?
Erfolg kann man nicht quantifizieren, er ist eine emotionelle Komponente, wenn man möglichst viel Zustimmung und Vertrauen erhält und auch persönlich zufrieden ist. Wenn ich Erfolg auf einen Tag fokussiere, dann auf den Tag der Landtagswahl am 22. März 1998. Damals erfuhr ich viel Zustimmung und Vertrauen - dies bestätigte die Zufriedenheit vieler Menschen und damit auch meine eigene.
Sehen Sie sich als erfolgreich?
Durchschnittlich. In Einzelbereichen bestätigen mich Signale von außen. Manchmal - wenn ich ein gesetztes Ziel nicht erreiche - sehe ich mich als nicht oder weniger erfolgreich. Das ist natürlich sehr subjektiv. Derzeit sind wir auf einem erfolgreichen Weg.
In welcher Situation haben Sie erfolgreich entschieden?
Bei finanzpolitischen Entscheidungen des Landes sind Erfolg und Mißerfolg rasch abschätzbar. Bei der Budgetpolitik des Landes, die ich zwölf Jahre zu verantworten hatte, habe ich - rückblickend - ins Schwarze getroffen.
Wie werden Sie von Ihrem Umfeld gesehen?
Weder innerhalb der Familie noch in meiner kleinen Gemeinde Radlbrunn bin ich der Landeshauptmann, sondern der Erwin, der Ehemann und Vater. In meinem überschaubaren Umfeld wird wenig über Politik gesprochen, wir sind eine ganz normale Durchschnittsfamilie wie viele andere auch, mit all den Vor- und Nachteilen, schönen Zeiten und Leiden.
Was war ausschlaggebend für Ihren Erfolg?
Was meine Privatsphäre betrifft, ist es zweifelsohne meine Familie. Beruflich ist es eine großartige Mitarbeiterschaft (rund 25 bis 30 Leute). Der Personalauswahl in der Umgebung eines Spitzenmanagers - das ist ein Landeshauptmann letztlich, er wird allerdings mit jedem Schritt von der Öffentlichkeit beurteilt - und dem sensiblen Umgang mit den Medien kommt große Bedeutung zu. Der dritte Punkt ist, daß ich jede noch so komplizierte Materie auf einen einfachen Nenner bringen und aufgrund dessen eine konsequente und klare Entscheidung treffen kann. Eine große Rolle spielt auch meine Familie, wobei ich auch mein Elternhaus miteinbeziehen will. Ich habe immer nach den Grundsätzen meiner Eltern gehandelt. Meine Mutter gab mir auf den Weg mit: Wie man sich bettet, so liegt man, und mein Vater: Ein Lump der, der mehr gibt, als er hat. Daran habe ich mich mein Leben lang gehalten und will auch meinen Kindern diese Grundsätze mitgeben. Sobald ich nach Hause komme, ist die Last des Alltags vergessen, und ich befinde mich in der Geborgenheit der Familie. In meinem Familienleben schöpfe ich Kraft aus einer Atmosphäre, in die ich gern heimkomme. Ich freue mich auch täglich auf das Zusammentreffen mit meinem Mitarbeiterstab. Zuletzt ist auch Selbstdisziplin notwendig, z.B. beim Essen und Trinken - oft muß man gerade dann gehen, wenn das Beisammensein am gemütlichsten wäre. Ich ringe mir wöchentlich ein bis zwei Stunden für Tennis ab.
Gibt es jemanden, der Ihren beruflichen Lebensweg besonders geprägt hat?
Ich habe mehrere Vorbilder. Generell meine Eltern, die immer bescheiden und bestimmt gearbeitet und gelebt haben - auch in der schwierigen Kriegs- und Nachkriegszeit - und sehr heimat- und bodenverbunden waren. Politisch habe ich zwei große Vorbilder: Leopold Figl und Andreas Maurer. Figl hat alles verkörpert, was einen guten Politiker ausmacht. Trotz der Brutalität der Verfolgung hat er im Angesicht des Todes die Heimat durch unbeschreibliche Selbstaufopferung nicht aus den Augen verloren - bis hin zu seinem größten Erfolg, dem Staatsvertrag. Dabei bewies er Volksverbundenheit wie niemand zuvor. Heute könnte man so ein Politikerleben wahrscheinlich nicht mehr leben, weil die Zeiten sich geändert haben. Andreas Maurer deswegen, weil auch er nie vergessen hat, woher er kommt. Als einfacher Bauer wurde er in einer schwierigen Zeit ein Landeshauptmann von Niederösterreich, der seine Herkunft nie verleugnet hat. Durch seine Ehrlichkeit wurde er zu einem politischen Vater. Wenn ich öffentlich etwas Falsches sage, läutet das Telefon am nächsten Tag und Andreas Maurer sagt mir ehrlich seine Meinung. Das ist besonders wichtig, weil man öfter von Opportunisten umgeben ist, die kaum die Wahrheit sagen.
Welche Anerkennung haben Sie erfahren?
Anerkennung bedeutet Ermunterung, Motivation und Kraft. Deshalb will ich auch nicht in die Bundespolitik. Die Kommunikation mit der Bevölkerung würde ich vermissen. Wenn ich wochenlang - weg von der Bevölkerung - an den Verhandlungstisch gefesselt wäre, würde mir etwas fehlen. Kontakt und Anerkennung sind wichtig für mich. Gerade hat mir eine 83-jährige Frau einen Gobelin gebracht, auf den sie das neue Landhaus gestickt hat, dazu hat sie ein Gedicht geschrieben. Ich habe mit ihr ein Glas Wein getrunken und mich über dieses Geschenk gefreut - das ist wahrscheinlich der schönste Dank für mich. Wenn diese Frau mich mit 83-jährigen, glänzenden Augen ansieht, die das Leben widerspiegeln, denke ich mir, daß sich meine Arbeit lohnt.
Nach welchen Kriterien wählen Sie Mitarbeiter aus?
Korrektes Auftreten ist mir wichtig, auch wenn das sehr konventionell klingen mag. Jemand der korrekt, konsequent, sympathisch und kommunikativ auftritt, hat schon die halbe Welt gewonnen. Auch auf Sachkompetenz und Motivationsfähigkeit lege ich Wert. Ich muß das Gefühl haben, daß derjenige täglich mit Freude ins Büro kommen wird. Wenn ich den Eindruck habe, daß er nicht motivierbar ist oder ich ihn täglich motivieren müßte, so hat er in meinem Team nichts verloren. Letztlich ist auch Kameradschaft ein Kriterium - ich arbeite mit meiner Umgebung und der Verwaltung so, daß jeder mein Vertrauen genießt und seinen eigenen Verantwortungsbereich hat. Mit diesem Rezept habe ich bisher sehr gute Erfahrungen gemacht. Bisher hatte ich nicht das Gefühl, daß mein Vertrauen mißbraucht wurde. Je mehr Verantwortung der einzelne trägt, desto wertvoller ist er für mich.
Wie motivieren Sie Ihre Mitarbeiter?
Ich verordne nicht von oben, sondern wir leisten Teamarbeit. Für jede gute Idee, die aus meinem Team kommt, bin ich zunächst offen und dann Vollstrecker. Die Ideen, die ich für das Land nach außen trage, werden von meinem Team oder einem Teil des Teams geboren und mitkonzipiert. Meine Tür steht meinen engen Mitarbeitern immer offen, keiner muß um einen Termin ansuchen, sie wissen genau, daß sie ohne Anklopfen hereinkommen können.
Welchen Rat möchten Sie an die nächste Generation weitergeben?
Das Erfolgsgeheimnis für ein zufriedenes Privat- und ein erfolgreiches Berufsleben besteht darin, daß man sich stets selbst treu bleiben muß. Jemand, der alle Weisheiten zu seinen Lebensprinzipien erhebt, diese auch verfolgt, an sich selbst glaubt und nie den Boden unter den Füßen verliert, geht immer und überall seinen Weg.
Welche Ziele haben Sie sich gesteckt?
Ich dachte nie daran, Landeshauptmann zu werden, vielleicht bin ich es genau deshalb geworden. Mehr als diese Position will ich gar nicht erreichen. Der Herrgott hat es gut mit mir gemeint. Wenn ich an ihn einen Wunsch offen hätte, so würde dieser schlicht und einfach lauten, daß in der Familie alles intakt und wir alle gesund bleiben sollten, und daß ich nach Ende meiner Laufbahn noch eine schöne Zeit haben und in Zufriedenheit zurückblicken kann.
Ihr Lebensmotto?
Sich selbst treu zu bleiben, zu wissen, woher man kommt und wohin man geht. Alles dazwischen an Höhen und Tiefen ist vergänglich - das kommt von meinem Stall, in den ich (übrigens am Heiligabend) hineingeboren wurde. Wir lebten nicht in Saus und Braus, mir ging aber auch nie etwas ab - ich habe die Schönheit der Bescheidenheit erfahren. Von Kindheit an habe ich immer so gelebt, daß ich nie zuviel aber auch nie zuwenig hatte. Letztlich ist meine jetzige Tätigkeit auch eine dienende Funktion. Dieses Motto ist vielleicht auch mein Erfolgsrezept. Ich hoffe, nie die Mitte aus dem Gefühl und den Augen zu verlieren. Ich bitte Gott darum, daß er mich ständig auf den bodenständigen Weg der Mitte führt.