Zum Erfolg von Heinrich Kraus
Was bedeutet für Sie persönlich Erfolg?
Erfolg ist für mich dann gegeben, wenn das, wofür ich mich eingesetzt habe, auch umgesetzt werden kann. Für mich, der ein Leben lang im Kulturmanagement tätig war, heißt das: Herrschen in einem Theater konstruktive Ruhe und Freude, läuft der Kartenverkauf gut und stimmen auch sonst die wirtschaftlichen und künstlerischen Voraussetzungen, bin ich auf dem richtigen Weg.
Sehen Sie sich als erfolgreich?
Das würde ich aus Bescheidenheit nicht mit Ja beantworten. Ich bin seit über 60 Jahren im Theaterbetrieb aktiv und sehe mich zumindest als nicht unerfolgreich.
Was war ausschlaggebend für Ihren Erfolg?
Alles, was man an Phantasie, Ideen, Kraft, Ausdauer und Beharrlichkeit einsetzt, muß immer der Sache dienen und niemals persönlichen Eitelkeiten. Wenn ich mich für eine Sache einsetze, so sind die Chancen gut, daß etwas daraus wird. Wenn Eitelkeit die primäre Motivation wäre, so hätte ich schlechte Karten. Ich versuche immer fair zu sein.
Gibt es jemanden, der Ihren beruflichen Lebensweg besonders geprägt hat?
Mein Vater war in den entscheidenden Jahren nach dem Krieg Leiter des Kulturamts der Stadt Wien. Ich habe seine Stellung niemals ausgenutzt, um mir beruflich zu helfen, aber durch ihn war ich bei jeder Theaterpremiere und lernte alle bekannten und namhaften Künstlerpersönlichkeiten der damaligen Zeit kennen. Er hat mich durch seine Art, mit Kultur umzugehen, sehr stark geprägt. Ein Lebensmensch für mich war der wunderbare, legendäre Hofrat Ernst Haeusserman. Er witterte in mir einen Partner und empfahl mich nach meiner Promotion 1948 an Helene Thimig-Reinhardt, die mich daraufhin als stellvertretenden Leiter und Lehrbeauftragten an das Reinhardt-Seminar holte. Später berief mich Haeusserman in die Kulturabteilung der amerikanischen Botschaft, 1961 an das Burgtheater und 1977 an das Theater in der Josefstadt.
Nach welchen Kriterien wählen Sie Mitarbeiter aus?
In den Jahren als amtierender Theaterdirektor war ich auch für die Auswahl der künstlerischen und sonstigen Mitarbeiter mit verantwortlich. Dabei folgte ich wahrscheinlich einem angeborenen, durch Erfahrung intensivierten Instinkt. Außerdem versuchte ich zu beurteilen, wie sich ein neues Mitglied in das bestehende Ensemble einfügen wird, wie seine Farbe mit der Palette harmoniert.
Welche sind die Stärken Ihres Unternehmens?
Das Theater in der Josefstadt ist in der europäischen Theaterlandschaft sicher ein Unikum. Es gibt in Österreich keinen anderen Theaterraum, auch wenn er adaptiert wurde, wo seit 1822 praktisch ununterbrochen gespielt wurde. Von der Eröffnung des Hauses, bei welcher der taube Ludwig van Beethoven im Orchestergraben dirigierte, bis heute ist der Theaterbazillus hier lebendig. Das Theater in der Josefstadt kann auf eine unglaubliche Geschichte voller Höhepunkte zurückblicken. Hier profilierte sich Nestroy 1829 als Schauspieler, hier stand Ferdinand Raimund 1834 als Valentin in der Uraufführung von „Der Verschwender“ auf der Bühne, und hier prägte Max Reinhardt von 1924 bis 1938 die Josefstadt. Diese Reihe läßt sich beliebig fortsetzen, und auch ich bemühte mich, die josefstädtische Tradition während meiner Direktionszeit hochzuhalten. Diese ungebrochene Theatertradition ist wohl einzigartig und wird vom Publikum bis zum heutigen Tag honoriert.
Welchen Rat möchten Sie an die nächste Generation weitergeben?
Ich rate jungen Menschen, immer mit der gebotenen Demut unter Hintanstellung der persönlichen Eitelkeit der Sache zu dienen. Das gilt nicht nur für die Josefstadt. Es gibt genügend abschreckende Beispiele, wenn ein Regisseur glaubt, er muß mit aller Gewalt umdeuten und ändern, was einst von Genie gefügt wurde. Ich bin kein altmodischer Mensch, aber ich halte es nicht aus, wie manche Regisseure aus Mutwillen und reiner Selbstinszenierung mit Werken umgehen.
Welche Ziele haben Sie sich gesteckt?
Ich bin glücklich, daß ich das Leben und die Welt des Theaters noch mit wachen Sinnen genießen kann und hoffe, daß dies noch einige Zeit so bleibt.
Ihr Lebensmotto?
Herbert von Karajan, der auch mit Haeusserman eng befreundet war, hatte ein Motto, das mir immer sehr geholfen hat: Du darfst nie aufhören anzufangen, und nie anfangen aufzuhören.