Zum Erfolg von Agnes Heiss
Was bedeutet für Sie persönlich Erfolg?
Beruflicher Erfolg bedeutet für mich Anerkennung durch die Kollegen - auch weil in der Chirurgie noch immer relativ wenige Frauen tätig sind und man sich die Anerkennung manchmal hart erkämpfen muß.
Was war ausschlaggebend für Ihren Erfolg?
Auch wenn ich Chirurgin bin und eigentlich ein handwerkliches Fach ausübe, war es mir immer ein besonderes Anliegen, den Menschen als Ganzes zu betrachten. Bei den Brustkrebspatientinnen mache ich auch die Chemotherapie selbst. Außerdem bilde ich mich ständig weiter, besuche alle relevanten Kongresse und lese sehr viel Fachliteratur. Man muß für die Chirurgie leben und vollen Einsatz - und das waren in der Ausbildung bis zu 120 Wochenstunden - leisten. Entscheidend sind aber die Liebe zum Menschen und die Bereitschaft zu helfen. Ist es für Sie als Frau in der Chirurgie schwieriger, erfolgreich zu sein? Ich war viele Jahre die einzige Frau in der chirurgischen Abteilung, was sicher nicht einfach war. Trotzdem nahm ich das alles in Kauf, weil die Chirurgie einfach mein Traumberuf ist.
Gibt es jemanden, der Ihren beruflichen Lebensweg besonders geprägt hat?
Professor Keminger, bei dem ich meine chirurgische Ausbildung absolvierte, war ein Mensch, der mich sehr unterstützte und förderte. Er war eine Respektsperson und Führungskraft mit menschlichen Qualitäten, wie man sie heute nur mehr selten findet. Professor Muhar, ebenfalls einer meiner Lehrer, brachte mir bei, die Patienten schon beim Hereinkommen genau zu beobachten, sie genau zu begutachten und mit ihnen zu reden - dann muß man eigentlich schon die Diagnose wissen. Mit den Menschen zu sprechen ist in unserem Beruf überhaupt das wichtigste, leider geht die Menschlichkeit immer mehr verloren. Auch Professor Roka, Vorstand der Rudolfstiftung und einige Zeit Chef in unserem Haus, sowie Professor Kubitschek, Chef der Internen Abteilung am Kaiserin-Elisabeth-Spital, waren prägende Persönlichkeiten. Sie liebten ihren Beruf, legten Wert darauf, wie man mit den Patienten umgeht, und haben Leistung anerkannt. Ganz besonders erwähnen möchte ich meinen inzwischen leider verstorbenen Vater, der mir immer die Kraft gegeben hat, meinen Berufswunsch zu verwirklichen. Obwohl mir meine Eltern das Studium nicht finanzieren konnten, haben sie mich immer gefördert.
Welche Anerkennung haben Sie erfahren?
Die hauptsächliche Anerkennung erfahre ich durch meine Patienten, aber auch durch Kollegen innerhalb und außerhalb unseres Hauses. Anerkennung erhalte ich außerdem durch die Unterstützung innerhalb der Familie.
Wie vereinbaren Sie Beruf und Privatleben?
Das geht sehr gut, allerdings nur durch die Unterstützung meines Mannes. Durch meinen Beruf bin ich gezwungen, meine Stunden genau einzuteilen und ein straffes Zeitmanagement zu führen. Ich verwende sehr viel Zeit für Fortbildung und besuche zahlreiche Kongresse im Ausland. Bei längeren Aufenthalten nehme ich aber meine Familie mit. Meine Tochter hat gute Lernerfolge, sodaß ich sie zwischendurch auch einmal ein paar Tage aus der Schule nehmen kann.
Welchen Rat möchten Sie an die nächste Generation weitergeben?
Ein junger Mediziner soll darauf achten, daß er seine Persönlichkeit und Standfestigkeit nicht verliert. Das Wichtigste ist aber die Liebe zum Beruf und zu den Menschen. Patienten sind Menschen und sollen als solche respektiert und behandelt werden.
Welche Ziele haben Sie sich gesteckt?
Es ist mir ein großes Anliegen, am Kaiserin-Elisabeth-Spital die Brustambulanz weiter auszubauen. Hier herrscht ein großer Bedarf, und die Patientinnen bedürfen bester Betreuung. Daher bieten wir im Haus neben der Mammachirurgie das gesamte Spektrum an. Ein großes Ziel ist noch meine Habilitation, was aber sicher nicht leicht wird, da ich mich neben dem Beruf doch sehr intensiv um meine Tochter kümmere und außerdem bisher zu wenig publiziert habe. Außerdem würde ich noch ganz gerne Geschichte studieren und dann nach Thailand zurückkehren, um den Menschen dort zu helfen.
Ihr Lebensmotto?
Man sieht nur mit dem Herzen gut; das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. (Antoine de Saint-Exupéry)