Zum Erfolg von Madeleine Petrovic
Was war ausschlaggebend für Ihren Erfolg? Ich habe nie Ellbogen gebraucht - im Gegenteil - ich habe große Skrupel, Führungspositionen anzunehmen, weil ich weiß, daß damit Macht und ein hohes Maß an Verantwortung ebenso einhergehen wie die Gefahr, Fehler zu begehen bzw. von persönlichen Motiven verleitet zu werden. Letztlich war der Wunsch der anderen stärker, mich in der jeweiligen Position zu sehen. Wenn ich Machtpositionen nicht selbst annehme, nehmen sie andere wahr - dann ist es mir doch lieber, diese Lücke selbst zu füllen, um einen Gestaltungsanteil an meinem Umfeld zu haben. Ich möchte aber betonen, daß ich mich für einen demokratischen Menschen halte, der sich in einer Entscheidungssituation jene Meinungen intensiver anhört, die nicht der eigenen entsprechen.In welcher Situation haben Sie sich erfolgreich entschieden? Es war richtig, den Weg als Politikerin einzuschlagen, obwohl andere Angebote aus dem Banken- oder Versicherungsbereich vielleicht ein einfacheres Leben bedeutet hätten - aber ich wäre todunglücklich.Gibt es jemanden, der Ihren beruflichen Lebensweg besonders geprägt hat? Ein Vorbild im Bereich des Erreichbaren ist meine verstorbene Großmutter, die immer ihren eigenen Weg ging und auch in der Nazizeit zu ihrer Ehe mit einem Juden stand. Sie war eine sprühende Persönlichkeit, die sich niemals über ihr Leben und ihre harte Arbeit beklagte. Weiters mein ehemaliger Vorgesetzter, der gestandene Realpolitiker Herr Dallinger, der trotzdem seine Visionen von einer gerechteren Welt hatte und weit in die Zukunft dachte, vor allem im Bereich der Stabilisierung von sozialen Systemen. Die Sozialschmarotzerjagd hätte es in dieser Form unter Dallinger nicht gegeben. Auch für die Chance, die er mir ohne Rücksicht auf Parteizugehörigkeit gab, bin ich dankbar. Im Februar 1989 veranlaßte mich sein Scheiden, in die Politik zu wechseln. Natürlich gibt es historische Persönlichkeiten, die aber als Vorbild unerreichbar bleiben, wie beispielsweise Martin Luther King, Mahatma Gandhi oder Mutter Teresa.
Welche Anerkennung haben Sie erfahren?
Ich erhalte sehr viel Post. Auch dort ist das Verhältnis zwischen den positiven und negativen Kontakten zu 75 Prozent unterstützend. Ich schätze aber auch die kritischen Zuschriften, solange sie konstruktiv sind. Bei den beleidigenden reicht das Spektrum bis zum Extremfall der Briefbombe. Aber ich denke, daß ich mich bei Fehlen von negativen Reaktionen auch fragen müßte, ob etwas falsch läuft.
Wie werden Sie von Ihrem Umfeld gesehen?
Ich denke, man vertraut mir bei der Vertretung der jeweiligen Interessen, weshalb man mir Führungspositionen anbietet.Welche Rolle spielen Familie und Freunde? In meinem Privatleben eine sehr wichtige, in meiner Karriere eine relativ geringe. Bei wichtigen Entscheidungen suche ich jedoch das Einvernehmen mit meiner Familie. Die Abgeordnetentätigkeit ermöglicht derzeit weder Mutterschutz noch Karenz. Meine jüngere Tochter wurde geboren, als ich schon im Parlament tätig war - eine Mutterschutzpause war damals für mich nicht möglich.Woraus schöpfen Sie Ihre Kraft? Ich suche in meiner Freizeit den Kontakt zu positiven, starken Menschen, also zu Leuten, die sich für Randgruppen einsetzen, ohne daß sie das müssen - die einfach in ihrer Freizeit ihre Kraft für ihre Ideale einsetzen und dadurch etwas bewegen, was für eine bestimmte Gruppe das Leben etwas erträglicher macht. Ich kenne viel mehr positive als negative Leute. Ich habe das Land und die Leute kennen und schätzen gelernt. Ich möchte für dieses Land viel tun, weil trotz österreichischer Griesgrämigkeit und Verdrossenheit so viel auch auf kleinster Ebene getan wird. Österreich ist für mich der Idealtypus eines Landes, keine Großmacht, sondern ein Land, das - viel stärker als bisher - verhandelnd, in der Mitte stehend und in Konflikten vermittelnd auftreten könnte und sollte.Wie erfolgt Entscheidungsfindung in der Praxis? Es kommt sicher darauf an, in welcher Kompetenz die Entscheidung liegt, aber wenn ich von etwas überzeugt war, hatte ich nie Schwierigkeiten, auch Gremien von meinem Standpunkt zu überzeugen.Gab es Niederlagen? Für mich steht dieser Begriff eigentlich nur in Zusammenhang mit einem Zeitlimit. Etwas nicht in der geplanten Zeit erreicht zu haben, empfinde ich aufgrund meiner Ungeduld und meines drängenden Wunsches manchmal als etwas, das einer Niederlage ähnelt. Es gibt einiges, das ich, auch wenn ich es nicht als persönliche Niederlage werte, dennoch bedaure. Die Situation am Balkan und deren Entwicklung war für mich und meinen Mann beispielsweise schon 1989 klar. Ich versuchte Medien von Amerika bis Großbritannien darauf aufmerksam zu machen, daß etwas getan werden müsse, um eine Katastrophe zu verhindern. Obwohl wir die Katastrophe im Zeitlupentempo kommen sahen, waren wir nicht in der Lage, Kräfte wie Geld und Einfluß so zu bündeln, daß dieser Irrsinn verhindert werden konnte. Die Interessen, die diesen Krieg wollten, waren offensichtlich stärker. Da ich aber nicht glaube, daß irgendjemand dies verhindern hätte können, sehe ich es auch nicht als persönliche Niederlage.Nach welchen Kriterien wählen Sie Mitarbeiter aus? Nach der Vielfältigkeit ihrer bisherigen Tätigkeiten und Interessen. Selbstverständlich muß das notwendige Maß an fachlicher Qualifikation gegeben sein. Aber entscheidend für mich sind die Furchtlosigkeit vor Veränderung und die Bereitschaft, sich mit neuen Dingen zu beschäftigen. Veränderung sollte für sie nicht Gefährdung und Bedrohung bedeuten. Der zweite wichtige Aspekt ist das Verhalten in Streß- bzw. Krisensituationen. Die Frage ist, ob jemand dann ein Fels in der Brandung sein kann.Welchen Rat möchten Sie an die nächste Generation weitergeben? Ratschläge an zukünftige Politiker sind stark abhängig von der politischen Richtung. Bei den Grünen sind Führerprinzipien beispielsweise nicht gefragt. Mein Tip für den politischen Menschen und vor allem für Frauen ist, selbst mitentscheiden zu wollen und nicht anderen zuzugestehen, über ihren Kopf hinweg entscheiden zu dürfen. Als wichtig erachte ich auch Entscheidungen, an denen man mitgearbeitet hat, selbst gewissenskonform vertreten zu können. Also ist mein Tip für die Politik-Willigen: Treten Sie jener Partei bei, die Ihnen auch erlaubt, bei Gremialentscheidungen einmal nein zu sagen!.