Zur Karriere von Susi Nicoletti
Welche waren die wesentlichsten Stationen Ihrer Karriere?
Als ich drei Jahre alt war, übersiedelten meine Eltern mit mir nach Amsterdam. Mein Vater arbeitete als Direktor der Amsterdamer Bank, und für mich begann eine schöne und unbeschwerte Kindheit. Meine Eltern nahmen mich zu Einladungen, in Konzerte, auf den Tennisplatz und ans Meer mit. Meine Mutter war eine Schauspielerin, so war es ihr nur recht, daß sich das Familientalent vererbte. Sie meldete mich in der klassischen Ballettschule James Meier zur Aufnahmeprüfung an, und ich war die jüngste Bewerberin, die aufgenommen wurde. Darüber hinaus besuchte ich zum Ausgleich auch die moderne Tanzschule von Gertrud Leistikov. Mit sechs Jahren kam ich in die Willemspark-School und war dort restlos glücklich. 1927 übersiedelte ich mit meiner Mutter nach München, wo ich eine Privatschule besuchte. Meine Ballettausbildung setzte ich bei der ehemaligen Primaballerina der Münchner Hofoper, Anna Ornelle, fort. Dreimal in der Woche besuchte ich Ballett, zweimal in der Woche modernen Tanz bei Frances Metz im Maximilianeum. Im März 1928 bestand ich die Aufnahmeprüfung für das St. Anna-Lyceum, wo ich als gute Schülerin galt. Ich war theaterbesessen und sah Klassiker, Schwänke, Konversationsstücke und Lustspiele mit Musik und Gesang. Ich liebte den Tanz und das Theater. Mit 13 bekam ich vom Lyceum die Sondererlaubnis, öffentlich aufzutreten, und tanzte kleine Rollen in Kindermärchen in den Münchner Kammerspielen. Das letzte Schuljahr war durch die politischen Ereignisse getrübt - am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler Reichskanzler. Im März - kurz vor meiner Tanz-Abschlußprüfung - ließ mich der Direktor der Münchner Opernbühne, der mich von meinen Auftritten kannte, wissen, daß er mich engagieren würde, wenn ich die Prüfung bestünde. Am 16. März bestand ich und war Solotänzerin, einen Tag später unterschrieb meine Mutter für mich - ich war erst 15 und nicht zeichnungsberechtigt - einen Jahresvertrag an der Münchner Opernbühne. Parallel dazu statierte ich im Residenztheater und machte Kabarett mit der Gruppe Die weißblaue Drehorgel. In der gleichen Zeit wurde ich Schülerin der Schauspielschule im Maximilianeum, die von der Charakterdarstellerin Magda Lena geleitet wurde, und lernte den Beruf von der Pieke auf. Bei der Abschlußprüfung habe ich von 75 Prüflingen als eine von sieben bestanden und wurde sofort von Direktor Hans Schlenck an die Bayerische Landesbühne engagiert. Das nächste Engagement erfolgte in Nürnberg, wo ich schon eine Gage von 300 Mark im Monat bekam - im Vergleich zu den 100 Mark bei der Landesbühne in München. Für meine erste richtige Premiere erarbeitete ich die Rolle der Bianca in Der Widerspenstigen Zähmung. Ab September 1940 war ich am Wiener Burgtheater engagiert, wo ich bis August 1992 tätig war, ehe ich in Pension ging. Mein Rückzug aus dem Burgtheater erfolgte sang- und klanglos. Ich hatte dem damaligen Direktor Peymann nichts mitgeteilt, er hatte nichts von sich gegeben - umso besser, wir hätten ohnehin wieder aneinander vorbeigeredet. Meine Rollen spielte ich aber dort bis 1994. Regisseure sind für einen Schauspieler so wichtig wie die Luft zum Atmen. Es gibt wunderbare Regisseure - leider nur sehr wenige -, die Emotionen aus einem herausholen können, von denen man gar nicht geahnt hat, daß man sie besitzt. Als ich die Widerspenstigen mit Walter Felsenstein probte, war ich von seiner Arbeit so aufgewühlt, daß ich die letzten acht Tage vor der Premiere in die Pension Schneider zog, um ganz mit mir allein zu sein und durch nichts und niemanden gestört zu werden. Partner sind für einen Schauspieler auch sehr wichtig. So spielte ich bei den Salzburger Festspielen in Was Ihr wollt die Viola und hatte Partner, von denen man nur träumen kann: Werner Krauß als Malvolio, O. W. Fischer als Orsino, Josef Meinrad als Bleichenwang, Alma Seidler als Marie, weiters Ewald Balser, Judith Holzmeister, Albin Skoda, Hans Thimig - es war fabelhaft. Als ich am Reinhardt-Seminar zu unterrichten begann, bedeutete das Gefühl der Verantwortung den jungen Menschen gegenüber für mich eine Aufregung. Lehrer sind mitverantwortlich, was aus den Menschen wird, die sie unterrichten. Es stellt sich in unserer Branche jedoch immer die Frage, ob junge Talente außer ihrer Begabung und dem erlernten Handwerk auch die Kraft, die Disziplin, die starken Nerven, die Gesundheit und die ständige Neugierde haben, Neues auszuprobieren, sowie den Willen, freiwillig und mit selbstverständlicher Gelassenheit auf viel Privatleben zu verzichten.