Zum Erfolg von Ferdinand Neundlinger
Was ist für Sie Erfolg?
Erfolg ist sicher Einsatz und Glück, wobei Glück eine habituelle Beschaffenheit darstellt. Die Freude eine öffentliche Vorstellung oder Konfrontation in vielen Fällen zu geben, die Qualitäten eines Schauspielers als sein eigen zu nennen, die Fähigkeit zu besitzen, sich auch den Text selbst zu schreiben und die Regie erfolgreich zu führen, sind die Grundsteine des Erfolg. Man benötigt ein sehr gutes Kurzzeitgedächnis und Gesundheit. Mein ehemaliger Lehrer und Freund Hofrat Stanzl vom Obersten Gerichtshof wußte um die Möglichkeiten eines guten Juristen, in dem er den Leitsatz verkörperte: Ein guter Jurist weiß woher er sein Wissen erhalten kann. Erfolg kann man nicht nur auf der materiellen Basis suchen. Für mich ist der größte Erfolg, wenn ich jemand gratis vertrete und dem Klienten damit helfe. Für mich sind die zugewiesenen Causen eine Berufspflicht.
Sehen Sie sich selbst als erfolgreich?
Ja, bis zu einem gewissen Grad. Ich sehe mich erfolgreich, wenn der Prozentsatz der gewonnen Verfahren über 50 Prozent gestiegen ist. Ich bin im Krieg groß geworden und deshalb sehe ich die heutige Zeit an und für sich schon als erfolgreich. Der erste Schritt zum Erfolg ist das Bewußtmachen der Gegebenheiten und die Konfliktbewältigung.Wie treffen Sie Entscheidungen? Ich bemühe mich, Entscheidungen auf zwei Ebenen zu treffen und diese dann zu vereinbaren. Als ersten Schritt suche ich in einem Fall die Vorjudikatur, das sind die Meinungen die der Oberste Gerichtshof in diesen Höchst-Judikaten vertritt und dann sollte man auch eigene Ideen einfließen lassen, diese verfechten und darlegen.Nach welchen Kriterien stellen Sie Mitarbeiter ein? Das ist Glückssache. Wenn man in einem Vorstellungsgespräch ein gutes Gefühl hat, dann sollte man versuchen mit diesem zu arbeiten.Spielen Niederlagen in Ihrer Laufbahn eine Rolle? Ja, wer keine Niederlage erlebt hat kann sich nicht weiterentwickeln. Wenn ein 20-jähriger nicht ein wenig ein Kommunist ist, hat er kein Herz. Wenn ein 40-jähriger noch immer Kommunist ist, hat er kein Hirn.
Haben Sie Vorbilder?
Ja, die sind aber so weit weg, daß ich sie nie erreichen werde. Mein großes Vorbild ist der Psychiater C.G. Jung, er übersetzt Wissen in unsere Sprache und das in elf Bänden. Er ist für mich ein Mensch, der im Sinn der Renaissance ein Homo Universale war.
Was macht Ihren spezifischen Erfolg aus?
Wenn man heute einen Klienten bestellt, ist es sinnvoll sich nicht nur eine Viertelstunde, sondern eine Stunde Zeit zu nehmen. Wenn man sich diese Zeit nimmt, kommen sehr gute Lösungen heraus, da der Klient auch über seine Situation nachdenken kann.Ihr Ratschlag für die nächste Generation? Das wird davon abhängen, wie weit im Rahmen der europäischen Integration ein neues Bild des Anwalts entstehen wird. Wir haben momentan den Trend zu großen partnerschaftlichen Kanzleien. Ob sich dieses Modell bewähren wird, ist zur Zeit noch fraglich.
Anmerkung zum Erfolg?
Der Erfolg ist meist eine Alterserscheinung, in der sich der Bekanntheitsgrad erhöht und sich der Zugang zu neuen Causen erfüllt. Die gegenwärtige Situation im städtischen Bereich der österreichischen Anwaltschaft kann man nicht unbedingt als erfolgreich ansehen, da doch massive Einbrüche stattgefunden haben. Die Anzahl der Verfahren dürfte sich in den letzten vier Jahren um die 40 Prozent verringert haben. Das ist für die junge Anwaltschaft sicher ein nicht zu unterschätzendes Problem. Wir haben verschiedene Überlegungen angestellt, um die Ursache aufzuspüren. Es dürfte nicht nur an der menschlichen Natur liegen, sondern es ist ein finanzieller Hintergrund, den man früher nicht genau betrachtet hat. Man war immer der Auffassung, daß ein hoher Prozentsatz an Prozessen von Versicherungen letztendlich finanziell getragen wird, auch wenn der Klient eine Privatperson ist und eine Rechtsschutzversicherung oder Haftpflichtversicherung sein eigen nennt. Durch eine Änderung in der Geschäftsgebahrung der Versicherungen, die aber auf rein wirtschaftlichen Überlegungen beruht, hat sich herauskristallisiert, daß ein viel höherer Prozentsatz von Versicherungen finanziert wird, der jetzt entweder durch diese Versicherungen selbst außergerichtlich verglichen wird, oder aber in einer bestimmten Rechtsschutzvertretung keine Deckung mehr findet. Nun ist es soweit, daß sich sehr viele Menschen, die sich in ihren Rechten verletzt glauben oder es auch sind, die wirtschaftliche Überlegung anstellen, ob sie mit ihrem eigenen Geld einen Prozeß anstreben sollten und dieses wirtschaftliche Risiko sehr genau und zumeist negativ beurteilen. Dies kann nur mit einer geringeren Anzahl von Anwälten beantwortet werden. Damit diese erfolgreich sein können, benötigen sie 80 Prozent Fleiß und 20 Prozent Glück.